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Microgramm
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Ich darf behaupten, dass die Werke von Brane Širca weitgehend gerade das machen: sie zeigen dem Betrachter die wortwörtliche Wahrheit der Gesellschaft, in der er lebt. Sie machen ihn aufmerksam darauf, was eigentlich allen bekannt ist. Auf allen Niveaus sind die Menschen von den Zahlen umgeben und gefährdet. Die Alltäglichkeit ist mit der Allanwesenheit von den Zahlen überfüllt. Und darüber hinaus sind die Menschen selbst nur Zahlen in riesengroßen Datenbanken. Doch, paradoxerweise, die Zahlen gefährden die Menschen mit gleicher Intensität, mit der sie sie noch immer faszinieren und anziehen.

Es wurde oft gesagt, dass die Gegenwart keine eigenen Symbole trage, im Unterschied zu vergangenen Epochen. Dass die technologisch-wissenschaftliche Industriewelt keine Dauersymbole für das Gute, Wahre, Unendliche usw. kenne; dass die Bilder dem Stoff gleichen, der sich am schnellsten ändert. Širca verneint solche Ansicht, denn er stellt die Zahl als jenes Symbol dar, das dauerhaft und auf unveränderliche Weise diese Welt bestimmt. Noch mehr, es sei gerade die Zahl derjenige Beweiser, der mit seiner eigenen Unvernichtbarkeit und Idealität auf die Zeitlichkeit und Vergänglichkeit allen Übriges weist. Die Bedeutungen seiner Zahlen interessieren ihn nicht, er konzentriert sich auf die Verhältnisse zwischen den Bildelementen seiner Bilder, auf das Sehbare. Und doch, wie Jean-François Lyotard niederschreibt, stehe denn die Quintessenz der Malerei eigentlich nicht darin, dass sie im Sehbaren die ständige Anwesenheit des Unsehbaren darstellt. Das Unsehbare ist nämlich das, was man nicht sehen kann, das, was undarstellbar ist. Die Lösung dieser Paradoxie scheint im Folgenden zu sein: Der Mensch wird vom Sehbaren angezogen und vom Undarstellbaren gefährdet. Das Undarstellbare lässt sich nicht darstellen, es ist aber möglich, einen Tip über seine Existenz zu geben.

Insoweit stehen die Werke von Brane Širca dem nah, was Frederic Jameson "das technologisch Sublime" nennt. Das ist kein Sublime, wie es z.B. Kant versteht, der die Quelle dieser Empfindung in der Naturkraft sah (wagemütige und drohende Felsenüberhänge, Gewitterwolken, grenzenloser Sturmozean, hoher Wasserfall eines gewaltigen Flusses). Die Natur besitzt schon lange nicht mehr die Kraft, um vor die Menschen mit solcher Schauerlichkeit aufzutreten; ihre Rolle ist von der hoch entwickelten technologischen Gesellschaft übernommen worden. Das einzelne Individuum kann heute die Wirklichkeit dieser Gesellschaft und des Mechanismus ihrer globalen Wirtschaftssystems nicht mehr auffassen. Die Wirklichkeit ist nicht mehr darstellbar, doch man weiß, sie stehe da. Und man weiß, sie schwätze die Zahlen durch. Numerische Landschaften von Brane Širca erklären dem Betrachter das Mechanismus des Wirtschaftssystems nicht, im Gegenteil, sie zwingen ihn, darüber nachzudenken. Sie machen ihn aufmerksam darauf, dass das Profane nur die Rückseite des Mystischen ist. Lass Dich, lieber Betrachter, vom Oberflächlichen nicht entführen!

Ernest Ženko
Numerische Landschaften von Brane Širca